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Fiese Grübchen

Geschrieben von Mirella Furlan - 15. April 2006

Da sitzt mir dieser Student gegenüber, sagt:

“Menschen werden nicht erst in den Fabriken zu Arbeitern. Arbeiter werden in der Familie und in der Schule gemacht, sie erwerben dort schon psychische Dispositionen, die auf Industriearbeit vorbereitet. Ihre Anpassung an oft unmenschliche Arbeitsverhältnisse bezahlen Arbeiter mit seelischer Verelendung. Extreme Formen der psychischen Schäden, die den Arbeiter erst zur Arbeit qualifizieren, werden von der psychiatrischen Forschung als Symptome der Schizophrenie interpretiert.”

Er hat volles Haar und ein Grübchen am Kinn. Wenn er spricht, leckt er sich zwischendurch die Lippen und seine Augen springen hin und her. Ich bestelle noch zwei Gläser Wein.
“Wer die identitätszerstörenden Bedingungen am Arbeitsplatz, in der Familie verändern will, kann auf therapeutische Erfahrungen und sozialisationstheoretische Einsichten nicht verzichten.”
“Sozialpsychologie der Arbeiterklasse, ich kenne das Buch. Von welchen Arbeitsplätzen sprichst Du denn?” frage ich, aber er unbeirrt weiter:

“Die kollektive Emanzipation von bedrückenden Verhältnissen kann rationaler und damit wirksamer gestaltet werden, wenn sie Erfahrungen mit Versuchen der individuellen Emanzipation in der Therapie uminterpretiert in sich aufnimmt.”
“Na, wenigstens sicherst Du so deinen Arbeitsplatz”, sage ich und plötzlich war er irgendwie beleidigt. Er hat dann später aber doch die Rechnung mit seinem Bafög bezahlt.

Dieser Beitrag ist veröffentlicht in der Kategorie: Kurzgeschichten