Gaby
Meine kleine Schwester kommt mich morgen besuchen.
Früher hieß sie nur Gaby. Heute sollen wir sie Gabriella nennen.
Ist ja auch viel schöner. Aber es fällt mir schwer.
Ich tu es ihr zuliebe. Sie hat auch einen schönen Namen verdient.
Und sie glaubt, dass ich sowieso immer alles besser hatte, als sie.
“Mit Dir hat Mama immer alles besprochen”, sagt sie.
Ja, aber auch Dinge, die ich nicht hören wollte.
“Ich brauchte nur Pink Floyd auflegen und Mama dachte gleich, ich
wäre drogenabhängig.”
Ja, das lag daran, dass in dieser Tatort-Serie diese Musik gespielt
wurde. Ich habe ihr doch gesagt, dass es nicht so ist. Dann war es
doch gut. Sie hat sich nur Sorgen gemacht, weil sie wenig Zeit für
uns hatte.
“Und jetzt? Jetzt wohnt sie fast neben mir und ruft mich fünfmal am
Tag an. Wegen jeder Kleinigkeit, aber die wichtigen Sachen bespricht
sie mit Dir.”
Ich bin so froh, Gabriella, dass Du immer in ihrer Nähe bist, ich könnte
das nicht. Du hältst ihre Launen und Vergesslichkeiten aus. Du bist da
wenn ihre Bandscheibe sie lahm legt. Du bist jeden Freitag da und gehst
mit ihr einkaufen. Deine Töchter erheitern sie, weil sie sie mit großgezogen
hat und sehr liebt. Aber denke nicht, dass sie Dich nicht auch liebt.
Hey, ich weiß das doch, weil sie alles mit mir bespricht.
“Du durftest schon mit 14 rauchen und ich habe es verheimlicht bis ich 20 war.”
Okay, das ist endlich mal ein richtiger Grund um auf sie wütend zu sein.
Oder auf mich. Färb’ mir jetzt bitte meine Haare, intensivrot bis in die
Spitzen. Ich bekomme Besuch von einem, der das rot als grau sieht, aber
der Bäcker soll ruhig weiter raten, wie alt ich wirklich bin.
Zieh’ die Gummihandschuhe an und erzähl’ mir von Deiner Ehe, meine Gaby.
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