Herz aus Stein
Er hatte den Stein sorgfältig ausgesucht. Nicht zu schwer sollte er sein, aber doch von genügend Gewicht, um diese verdammte Scheibe klirren zu lassen.
Als er ihn in seine Jackentasche steckte, riss diese ein wenig ein und wie zum Trotz legte er auch noch seine Hand über ihn. Es tat gut ihn zu fühlen. Ganz glatt war er und noch kalt.
Entschlossen zog er die Wohnungstür zu, lief leichtfüßig die Treppen herunter, vorbei an den Briefkästen, die keine Post für ihn haben konnten, um ihn aufzuhalten.
Es war nicht weit bis zu ihrem Haus. Der lärmende Straßenverkehr war ihm so vertraut, dass er nicht störte, als er diese Melodie wieder im Kopf hatte. “Das ist euer Lied” schrie der Herzblatt-Moderator in seinem Kopf. Ja, dann passt es doch! Wenigstens das! Alles hätte passen können, wenn SIE es nur gewollt hätte. Er hatte sich doch einen Job gesucht und nur noch am Wochenende gekifft. Beim Zahnarzt war er sogar für SIE gewesen. Ohne sie, heldenhaft! Und immer wilder hatte sie ihn geküsst dafür. Ihre Küsse, nach denen er sich sehnte. Seine Hände in ihrem Haar.
Jetzt nicht mehr!
Und wie sie sich liebten. Manchmal lachend, albern fast, weil SIE nie genug haben konnte und er ja auch nicht, aber ihrer Körper zu erschöpft waren. Ein paar mal hatte er auch geweint. Nicht aus Glückseeligkeit, sondern weil er noch so tief in sie dringen konnte, niemals aber ganz mit ihr verschmelzen konnte. Er wollte eins sein mit IHR. Von ihm aus auch nur die zweite Hälfte eines Ganzen. Darauf hätte man sich doch einigen können.
Jetzt nicht mehr!
An einer Ampel blieb er stehen. Erst als die anderen die Straße überquerten, setzte auch er wieder einen Fuß vor den anderen, als ihm plötzlich von hinten jemand auf die Schulter klopfte. Er erschrak. Es war Jorge, ein Freund von ihm. Die Flasche Bier in seiner Hand und die Fahne aus seinem Mund, hätten ihn auch bei plötzlicher Taub- oder Blindheit, erkennen lassen. Jorge hatte keine Frau. Wollte er auch gar nicht, wie er immer wieder unterstrich. Is ja doch nur Generve. Nur wenn er genug Geld für Wodka hatte und seine Zunge schwerer wurde, ja dann zum kuscheln, aber das würde ihm schon reichen.
“Jorge! Tut mir leid, ich hab’s eilig.”
“Ja, Mann. Wo willst Du denn hin? Zu Michaela?
“Genau”
“Ey, dann grüß’ sie von mir.”
“Mach’ ich”
Zum Glück schlug Jochen eine andere Richtung ein. Er hatte keine Lust mit ihm zu reden.
Jetzt nicht!
Er fühlte noch immer den Stein. Stein des Anstoßes, Stein, der ins Rollen kam, Herz aus Stein, ohne einen Stein zu erweichen, ein Stein, der vom Herzen fällt, von außen in das Glashaus rein. Er sitzt da nicht mehr.
Nie mehr!
Er war jetzt vor IHREM Haus. Ganz ruhig blieb er stehen. Gleichmäßig schlug sein Herz.
Dann warf er ihn, drehte sich um und ging.
Gut hatte er getroffen. Sie wird die Tür schon geöffnet haben. Eine Frau, die an der Bushaltestelle gewartet hatte, rief jetzt, er sei es gewesen.
SIE kam ihm nicht hinterher.
Nie mehr!
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