Anzeigemedium

Einbildung

Geschrieben von Mirella Furlan - 29. Juli 2008

Eigentlich müsste ich mich längst daran gewöhnt haben, dass Taxifahrer und Drogerie-Verkäuferinnen einen höheren Bildungsabschluss haben als ich. Nun bin ich durchaus für Bildung für alle, aber meine Sozialisation macht mir offensichtlich einen Strich durch meine vorurteilsfreie Rechnung.

Wie soll ich also nicht erstaunt sein, wenn der Mann am Kiosk über das Selbst philosophiert als das Selbst, das ich zu mir selbst entwickele, während er nebenbei die Bild-Zeitung verkauft? Sollte ich wirklich davon ausgehen, Sören Keerkegard ist so bekannt wie Dieter Bohlen?

Um ehrlich zu sein, will ich zugeben, dass mir das Angst macht. Ich müsste Tag und Nacht lesen, stundenlang mit Gleichgesinnten streiten, wieder das Trinken anfangen und wohlmöglich meinen Partner wechseln, um nachzuholen, was ich an philosophischen Wissen aufzuholen hätte.

Keerkegard hatte ich nur dem gutaussehenden Antonio zuliebe gelesen. Er, der bereits einen Roman veröffentlich hatte und zudem noch Rocksänger war, war der Anlass dafür, mich mit dem Existieren als das Entscheiden über Möglichkeiten die mir offen standen, zu beschäftigen. Am Ende hatte ich mich dann gegen ihn entschieden, aber das würde hier jetzt zu weit führen. Aber wie ich so in meinen Erinnerungen krame, bin ich fast sicher, dass er auch ein Taxi fuhr.

So gesehen, könnte es mich doch hoffungsvoll stimmen. Die Welt ist also voll von schlauen, kreativen Köpfen, die dennoch ganz lebenspraktisch für die Erhaltung ihrer Art sorgen, in dem sie Jobs annehmen, die Miete und Vollwertkost finanzieren.

Kafka hat es auch nicht anders gemacht, denke ich gerade, als es klingelt und ich einem verschwitzten Postboten meine Tür öffne. Er grüßt freundlich, reicht mir ein Packet und fragt, ob ich Rotko kennen würde.

Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Wer zur Hölle ist Rotko?

Kleinen Moment, rufe ich geistesgegenwärtig, stürze an meinen Schreibtisch und dann auf eine Suchmaschine. Rotko? Rothko, Mark: amerikanischer Maler russ. Herkunft, rechteckige Farbzonen, mittels Farbe Raumtiefe…

Mit etwas Kleingeld komme ich zurück an die Tür. Natürlich hatte er bemerkt, dass ich meinen Treppenaufgang neu gestrichen hatte, deshalb war ich mir mit Mark Rothko ziemlich sicher.

Ja, sage ich selbstsicher, ich habe tatsächlich versucht mit diesen verschiedenen Blautönen der Wand mehr Tiefe zu geben.

Der intellektuelle Postbote nahm das Trinkgeld entgegen und fragte nochmals:

Bernd Rotko, Lehnstedter 84. Da ist aber kein Namensschild. Kennen sie den?

Nein, den kannte ich nicht.

Dann verstummte ich mit hochrotem Kopf. Als der ganze normale Postbote schon fast die Treppe herunter gestiegen war, rief er mir noch zu:

Ich bevorzuge bei den Farbgestikern Barnett Newman. Schönen Tag noch!

Den hatte ich dann aber nicht mehr.

Dieser Beitrag ist veröffentlicht in der Kategorie: Leseproben