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Im Stau

Geschrieben von Mirella Furlan - 16. September 2007

Seit mehr als 20 Jahre kannten sie sich nun. Anette, überzeugter Single, wie sie immer wieder behauptete und Sabine. Freundinnen also, im Auto sitzend, im Stau stehend. An diesem 22. September sollte die Ehe von Sabine geschieden werden und natürlich hatte ihre Freundin sich angeboten sie zu fahren.
Sabine starrte ins Leere und sagte mit einer ihr fremden Stimme:
Wenn das nun die besten Jahre meines Lebens gewesen sind, können nur noch Verbrennungen dritten Grades folgen.

Ach, du hast sie doch nicht mehr alle. Und der Spruch ist bestimmt geklaut.
Was ist denn da los? Wieso geht das hier nicht weiter?

Macht doch nichts. Komme ich eben zu spät zu meinem Scheidungstermin. Zur Not auch gar nicht. Was passiert eigentlich, wenn man einfach nicht erscheint?

Du bekommst einen zweiten Termin und beim dritten holen dich die Bullen ab, glaub’ ich.

Und wenn wir das so machen? Mir ist heute nicht nach Scheidung!

Wieso wir? Ist doch deine Scheidung. Überleg’ es dir, weil sonst fahren die nächste Ausfahrt ab.

Nein, wir bleiben und lassen das Schicksal entscheiden.

Gut.
Sabine zupfte sich ein paar Fussel vom dunkelblauen Rock. Es ging nur meterweise weiter.
Wieso trage ich eigentlich auch so ein Kostüm, ähnlich wie damals auf dem Standesamt?

Offensichtlich muss du dich für beides kostümieren! Was weiß ich, ich war noch nie verheiratet.

Was bist du denn so bissig?

Anette verdrehte die Augen.
Okay, andere Erklärung. Es liegt sicher daran, dass man dem amtlichen Handeln irgendwie Respekt zollen möchte.

Ich hätte etwas anderes anziehen sollen.

Ich hab’ noch ein paar Gummistiefel im Kofferraum, wenn die dir weiterhelfen könnten?

Welche Farbe?

Grün, wie alle erwachsene Gummistiefel. Gib’ mir mal eines von den Papiertaschentüchern dort und ich mache dir daraus eine Blume und die stecken wir dann ins oberste Knopfloch.
Aber die bastelst du nicht während der Fahrt!

Wir fahren ja nicht, wir stehen.

Ist ein Auffahrunfall ein triftiger Grund, um nicht zum Scheidungsterm zu erscheine?

Vergiss es!
Sie fuhr etwa 200 Meter weite, bremste wieder ab und hielt einen ordnungsgemäßen Abstand zum Wagen vor ihr.

Siehst du, wir fahren doch.

Ja, und in was für einen Affenzahn.

Du warst ja nie verheiratet.

Richtig.
Anette fuchtelte wie wild rum.
Scheiß Fliege, die verfolgt mich seit Tagen. Da! Scheuch sie mal aus deinem Fenster.

Bin ich nun nervös, oder du?
Sabine öffnete das Fenster der Beifahrertür und versuchte die Fliege zu vertreiben.
Wieso eigentlich nicht? Ich meine, warum warst du nie verheiratet?

Weil ich niemanden hätte, der mich dann später zum Scheidungstermin fahren könnte. Du hast ja keinen Führerschein.

Die Fliege spazierte auf dem Armaturenbrett umher, stellte sich gekonnt auf ihre vier Vorderbeine, um mit den hinteren zwei ihre Flügel zu putzen. Anette sah ihr zu:
So langsam komme ich mir vor wie Wolfgang Borchert, nur das ich nicht im Knast sitze.

Und ich mir wie Sue-Ellen, weil ich jetzt etwas trinken könnte.

Mach’ dir lieber keine Hoffung auf die South-Fork-Ranch.

Das haben unsere Anwälte ja längst geklärt.

Ja, und du wirst dir auch weiterhin alles leisten können.

Wollen wir nicht einfach irgendwo hinfahren? So wie Selma und Luise?

Ich wäre schon froh, wenn wir überhaupt mal fahren könnten.

Stell’ dir vor, dies wäre unser Fluchtwagen…

Im Moment sind wir eher ein Taxi, das dem Wagen vor ihm folgen soll.
An der nächsten Tankstelle hältst du. Ich geh’ pinkeln und dann klau’ ich ‘ne Flasche Jim Bean.

Das mache ich nicht. Gibt es etwas erbärmlicheres als eine wohlhabende Frau, die aus Langeweile etwas klaut, um sich einen Kick zu geben? Du bist ja nicht mal abhängig.

Bin ich wohl!
Sabine strecke ihrer Freundin ihre zitternde Hände entgegen.
Außerdem muss ich mal!

Dann fahre ich jetzt rechts ran.

Ich pinkle doch nicht vor all’ den Gaffern hier.

Nee, du trägst ja auch keine Gummistiefel zum Scheidungstermin.

Und du hattest noch nicht mal einen Ehemann.

Die Fliege saß nun kopfüber und tuschte sich die Wimpern.
Anette nahm ihren Lippenstift aus ihrer Handtasche vom Rücksitz und malte ihre Lippen nach.
Doch, einen hatte ich. Es waren nur nicht meiner!

Die zählen nicht. Die gibt es wie Sand am Meer. Es war doch nicht meiner, oder?, fragte Sabine lachend.

Nein! Ich schwöre! Dein Gerhardt war nicht mein Typ!, kicherte Anette.

Wieso weiß ich davon nichts? Ach, jetzt fällt es mir ein. Hieß er nicht Anton?

Niemals hatte ich was mit einem Anton. Emil hieß er.

Hätte ich ja nur weiter raten müssen. Otto, Nordpol…

Der ist jetzt übrigens auch geschieden.

Und sie trägt jetzt wieder ihren Mädchennamen Südpol?

Gleich schmeiße ich dich raus!

Was denn? Hatte der nicht eine Apotheke?

Ja, hatte er. Vielmehr hat er sie immer noch. Und wenn du jetzt sagst, dass er eigentlich eine Detektiv-Agentur haben sollte, kriegst du deinen Auffahrunfall!

Du bist heute großzügig. Lass’ uns lieber auf einen unerwarteten Wildwechsel warten.

Mir ist so sterbenslangweilig.

Ja, blöde Rehe.

Alle im Urlaub. Rauchen wir eine?

Haben wir denn Zigaretten?

Im Handschuhfach.

Sabine öffnete das Handschuhfach, nahm eine Packung Zigaretten heraus, nahm zwei Zigaretten gleichzeitig zwischen ihren Lippen, zündete sie an und reichte ihrer Freundin eine herüber.
Dann trat Anette aufs Gaspedal und verursachte einen Auffahrunfall.

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