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Sonntag

Als sie erwachte, hörte sie das ihr vertraute und geliebte Geschirrgeklappere. Es war Sonntag. Er hatte schon Brötchen geholt und bereitete jetzt das Frühstück für die Familie vor. Sie hatte, wie gewöhnlich am Abend nicht einschlafen können, es deshalb schließlich aufgegeben und stattdessen die Ruhe des Hauses genossen, etwas Rotwein getrunken, ihre Musik gehört und einfach nur ins Leere gestarrt und ihre Gedanken kommen und gehen lassen. Sicher, es waren nicht immer angenehme Gedanken, im Gegenteil, meist kam dieses Gefühl einer unbestimmbaren Angst, aber mit den Jahren hatte sie bemerkt, dass es besser war in solchen Situationen den Schlaf nicht erzwingen zu wollen, da es ein aussichtsloser Kampf war. Es war schlimm für sie nicht schlafen zu können. Sie wusste, dass sie diesen Schlaf benötigte, um den alltäglichen Anforderungen am nächsten Tag gerecht werden zu können. Und das musste sie, um sich gut zufühlen, für sich selbst.

Die Kinder schliefen noch, zumindest waren sie noch nicht zu hören.
Nur die Geräusche aus der Küche und jetzt auch der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee. Es war nicht so, dass ihr dieser Geruch Appetit auf das Frühstück machte, sondern er gehörte einfach zu diesem Moment dazu. Genau das waren die Bedingungen, die sicher machten, ganz ruhig einschlafen zu können, dann tief und fest zu schlafen und erholt wieder zu erwachen. In spätestens fünf Minuten würde sie aufstehen, ins Bad gehen, den Tag anfangen lassen. Seltsamerweise stimmte sie das nicht verbittert. Es genügte ihr das Wissen der Möglichkeit, ohne dass sie wirklich genügsam war.

Als sie am Küchentisch saß, war die Nacht längst vergessen. Sie nahm einen Schluck Kaffee, behielt die Tasse in beiden Händen, stütze ihre Ellenbogen auf der Tischplatte ab und sah zu ihrem Mann hinüber. Er wirkte durch die kleinen Streitigkeiten der Kinder genervt, wie jeden Sonntag. Ein ruhiges Frühstück, mit drei ausgeschlafenen Kindern, ist und bleibt ein unerfüllter Wunsch. Sie wusste es. Er nicht.
“Sie sind gleich fertig,” sagte sie zu ihm.
Er verdrehte ein wenig die Augen, stand auf und holte sich eine Zeitung. Bevor er sich wieder setzte, schob er seinen Stuhl zurück und zog seine Tasse näher zu sich heran.

Es war schön, den Wind im Gesicht zu spüren.
Sie trat ein wenig schneller in die Pedale ihres Fahrrades. Es fuhr etwa 20 Meter vor ihr, neben ihm lief der Hund, hinter ihm fuhren die Kinder.
Immer wieder diese Reihenfolge, bei jedem Fahrradausflug, ohne das es je besprochen wurde.
Oder? Sie wusste es nicht.
Ihr gefiel ihre Position in der Fahrradkette. So hatte sie alle vor sich, konnte sie beobachten, konnte reagieren, wenn es nötig war.
Die Kinder in der Mitte, sie bestimmten das Tempo und die Pausen.
Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen.

“Und, wie findest Du ihn?”, fragte die Freundin.
Sie blickten den beiden Männern hinterher, die durch den Garten schlenderten, ab und zu stehen blieben und sich unterhielten.
“Sehr nett!”, antwortete sie und setzte mit einer Hand die Sonnenbrille ab.
Frage - Antwort. Einfache Sache.
“Ich beneide Dich um die Art, wie er Dich küsst”, sagte sie und schlug die Beine übereinander.
“Ja”, sagte die Freundin und lehnte sich zurück.
Auf den Apfelkuchen hatte sich eine Wespe gesetzt und sie ließ sie sitzen.

Um etwa 23 Uhr, ließ er den Hund noch mal raus, ging durch alle Zimmer, öffnete Fenster, löschte Lichter, sah den Kindern eine Weile beim schlafen zu.
Auch er ging jetzt schlafen, wollte noch lesen, aber morgen ist Montag.

Kaufen Sie sich einen Hut!

Ich denke oft, dass ich in der falschen Zeit geboren wurde, denn ich gehöre in die Zeit, als noch selbstverständlich Hüte getragen wurden. Wenn ich dagegen heute einen aufsetze, muss ich mir der Freundschaft meiner Begleitung sicher sein. Längst nicht jeder Mann hält es aus, plötzlich im Mittelpunkt zu stehen, wenn auch nur neben mir. Das liegt daran, dass er sich nicht sicher sein kann, ob es bewundernde Blicke sind, die ich ernte, oder verächtliche. Ich bin mir da auch nicht sicher, aber ich bin ja souverän. Was meinen Sie, wie spielend sie einen Verehrer loswerden können, wenn sie zur nächsten Verabredung mit einem großen Hut auftauchen. Sie könnten in einem piekfeinen Restaurant ständig rülpsen, glauben sie mir, es wäre ihm viel weniger peinlich!
Von seinen Freundinnen erntet man meist Anerkennung für den Mut, den man aufbringt, diese Kopfbedeckung durch den Stadtteil zu tragen, in dem man ehrenamtlich auch im Bürgerzentrum arbeitet. Aber ich bitte Sie, in Mailand kann so was jede tragen. Auch auf Vernissagen trage ich niemals Hüte, lächerlich! Um ehrlich zu sein, finde ich das tragen von Mützen und Stirnbändern bei meinen Freundinnen viel heldinnenhafter. Das würde ich ihnen nur niemals sagen.
Als äußerst hilfreich erweisen sich Hüte auch, wenn sie beabsichtigen, wenigstens visuell im Gedächtnisspeicher zu bleiben. So manche Kassiererin wusste genau, an welcher Stelle ich in der Reihe stand, wenn wieder mal ein rüstiger Rentner sich vordrängeln wollte. Da nütze es ihm auch nichts, wenn er einen Herzinfarkt simulierte, gegen meinen Hut und die ordnungsgemäße Abwicklung der Zahlungsmodalitäten, hatte er keine Chance.
Ein teuflisches Vergnügen kann es auch bereiten, wenn sie ihren Hut als natürliche Erziehungsmaßnahme gegen ihre pubertierenden Kinder einsetzen. Dank der modernen Pädagogik, haben unsere Sprösslinge uns zu den Elternabenden zu begleiten und nur durch das harmlose Nachfragen, welchen Hut man den aufsetzen solle, werden Zimmer nicht nur urplötzlich aufgeräumt, sondern, wenn man es auf die Spitze treiben will, auch gleich komplett renoviert. Seit ich anfing meine Kinder wirklich ernst zu nehmen, auch in Fragen der Stilberatung, gab es zuhause kaum noch größere Konflikte.
Zusammenfassend kann ich Ihnen also nur raten, kaufen Sie sich einen Hut!

Die Einladung

Gestern fiel mir eine alte Einladung meiner Ex-Schwiegereltern in die Hände. Was waren mir diese Familienfeiern immer ein Graus gewesen. Letztlich nahm ich nur daran teil, weil ich ihren Sohn damals liebte und ich um sein großes Harmoniebedürfnis wusste. Nur seine Familie veranstaltete diese Feiereien, meine Familie ist da ganz anders, ein wenig italienischer eben. Vor diesen Festivitäten, erhielt ich immer(!) einen fürsorglichen Anruf der Veranstalter, die mich darauf hinwiesen, dass der Geschmacksträger des Hauptmenüs, Fleisch sei - Traditionell: Grünkohl mit Kasseler und Kochwurst oder Tafelspitz mit Dosen-Champingions in brauner Maggi-Soße, Gemüseplatte, Salzkartoffeln und Krokette. Da ich die EINZIGSTE wäre, die kein Fleisch essen würde, wäre man völlig verunsichert, wie man mich nahrungstechnisch durch den Abend bringen solle. Ich könnte schwören, dass ich mehrmals sowas wie: “Das macht die doch extra”, im Hintergrund jemanden sagen hörte. Ich hatte mir für diese Situationen längst einen Karteikasten zugelegt, der schon im Vorweg zur Konfliktvermeidung mit dem Clan meines damaligen Mannes dienen sollte und er hatte mir auch schon gute Dienste geleistet. So griff ich also souverän unter “G”, wie “Gemeinsames Essen” hinein, zog locker die passende Karte hervor und antwortete:”Macht euch keine Umstände. Ich esse dann die Beilagen.” Dann ging es meistens fünfmal hin und her: “Wirklich?” - “Wirklich!” Der Tag X kam. Mein erstes Bestreben war es immer, wenigstens zwei (besser drei!) Gläser des Empfangssektes auf ex zu kippen. Das machte mich lockerer, ich lächelte dann auch irgendwie natürlicher, obwohl ich wusste, was gleich kommen würde. Einer der Gastgeber würde auf mich zukommen (meist schickten die Frauen ihre Männer) und flüsterten mir zu, dass man nun doch EXTRA für mich einen Salatteller bestellt hätte und dass man mir, nur damit der Kellner keinen Fehler begehen solle, mir einen EXTRA-Platz zugewiesen hätte. Dabei würde man mir noch verschwörerisch zuzwinkern. Okay, nahm ich also, so etwa 2km von meinem Mann und meinen Kindern entfernt, Platz. Nach der Begrüßungsrede, brüllte dann einer vom weißbeschürzten Personal quer durch den Saal, wer denn hier den Salatteller bekäme und noch bevor ich antworten konnte, zeigten alle mit dem Finger auf mich, selbst meine Stammfamilie. Während die anderen dann ordentlich reinhauten und mir mitleidig zuraunten, dass ich gar nicht wisse, was ich verpassen würde, blieb mir schon aus Selbstschutz nichts anderes übrig, meinen Salatteller anzupreisen, der zur Hälfte aus frisch aus der Dose gekippten Mais und Erbsen bestand. Mein damaliger Mann hatte in der Zwischenzeit - nach 15 Jahre Ehe weiß man, was der andere gerade fühlt - eine Flasche Pino Grigio für mich bestellt. Nach dem Essen fingen dann alle an zu saufen. Und weil man in Schleswig-Holstein war, wurde früher oder später das “Schleswig-Holstein-Lied” gegrölt. Refrain: “Da wird die Sau geschlacht’, da wird die Wurst gemacht…. im schöhöönen Schleswig-Holstein-Land”. Das war immer der Moment, in dem ich hinter sämtlichen Hobbyfotografen herlief, um die Herausgabe des Filmes zu verlangen und nur von ihnen abließ, wenn sie mir glaubhaft versicherten, dass sie vor der Verbreitung ihres Filmmaterials, meine Augen durch einen schwarzen Balken verdecken würden. Irgendwann dann flehte ich meinen damaligen Mann an, diese Lokalitäten endlich verlassen zu dürfen und mit einem Daumendruck auf seine Stoppuhr und einem anerkennenden Lächeln, nickte er endlich. Artig überstand ich sogar noch die Verabschiedung und höre Stimmen, die sagen:”Das schönste Fest seit langem…” und ich dachte:”Ja, schöner können nur Verbrennungen dritten Grades sein…” und fiel dann, sobald ich den Beifahrersitz erreicht hatte ins Koma. Manchmal bekam ich danach anonyme Briefe. “Spaßbremse!”, stand da in ausgeschnittenen Buchstaben. Unfair, finde ich, wo ich mir immer so viel Mühe gab!